An Dich
Ein offener Brief
Ich weiss nicht, wer du bist.
Ob du jung bist oder alt bist, ob du das am Küchentisch liest oder im Wartezimmer in der Zahnarztpraxis oder im IC 280 von Zürich nach München. Ob du gerade am Anfang von etwas stehst, das noch keinen Namen hat, oder mitten in etwas, das nicht aufgeht. Ob du das morgen liest oder in zwanzig Jahren; oder ob es überhaupt jemand liest.
Ein Brief braucht einen Empfänger, und ich habe keinen. Nur die Vermutung, dass es dich gibt, dass dich dasselbe umtreibt, wie mich: dass man so oft nicht weiss, wie es weitergeht, und diese Ungewissheit schwerer auszuhalten ist, als man sich eingesteht. Ich schreibe dir das nicht, weil ich es besser weiss, sondern weil ich gerade erst anfange, es zu verstehen. Und weil einem das immer wieder entgleitet.
Das Unangenehme zuerst: Nichtwissen ist nicht bloss lästig, es ist tatsächlich schwerer zu ertragen als die schlechte Nachricht selbst. Man hat das sogar untersucht: Wer sicher wusste, dass ein Schmerz kommt, war ruhiger als der, der ihn nur vielleicht erwartete. Es ist also nicht der Schmerz, der einem am meisten zusetzt, sondern die Frage, ob er überhaupt kommt.
Dafür braucht es eigentlich keine Studie. Den Abend vor dem Befund kennt jeder. Die Stunde nach einem Gespräch, das offengeblieben ist. Die Nachricht, die ungelesen auf dem Bildschirm liegt, weil ungelesen noch alles möglich ist. Der Körper macht keinen Unterschied zwischen einem Raubtier und einer offenen Frage. Er schaltet auf Alarm und bleibt dort.
Also tun wir fast alles, um da wieder rauszukommen. Wir wollen Bescheid wissen, schnell und egal wie. Wo es nichts zu wissen gibt, basteln wir uns etwas, das wie Wissen aussieht, uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Davon lebt eine ganze Industrie. Prognosen, die so tun, als wäre die Zukunft bloss die verlängerte Vergangenheit. Zahlen für übernächstes Jahr, die jeder für eine Schätzung hält und keiner glaubt. Dashboards, auf denen alles grün leuchtet, während die Sache darunter längst stirbt. Der Experte, der auf jede Frage eine Antwort hat, weil «Ich weiss es nicht» in seinem Beruf nicht vorgesehen ist.
Es ist wie mit dem, der seine Gartenparty plant, wochenlang. Er vergleicht drei Wetterapps, bis eine das sagt, was er hören will, und sorgt für jeden Fall vor: für die Sonne, für den Regen und - sollte beides zusammenkommen - einen Pavillon. Am Tag der Party regnet es. Er steht unter der Markise, der Pavillon noch im Keller, und sagt den Satz, mit dem wir alle die Wirklichkeit zurechtweisen, wenn sie sich nicht an den Plan gehalten hat: «Das war so nicht vorgesehen.» Man darf über ihn lachen. Nur ist man dummerweise meistens selbst gemeint.
Dabei ist vieles am Absichern vernünftig, und manches lässt sich wirklich in Wahrscheinlichkeiten fassen. Aber irgendwann verwechseln wir das eine mit dem anderen und behandeln das, was wir nicht wissen können, als wäre es bloss noch nicht ausgerechnet. Eine Zahl, egal welche, beruhigt am Ende mehr als das Eingeständnis, dass es keine gibt.
Und genau hier läuft die Grenze, auf die es ankommt, nur zieht sie kaum jemand. Von Risiko spricht man, wenn die möglichen Ausgänge bekannt und ihre Wahrscheinlichkeiten abschätzbar sind. Ein Würfel. Eine Lebensversicherung. Damit lässt sich rechnen. Echte Unsicherheit ist etwas anderes: Da kennt man die Ausgänge nicht, man weiss nicht einmal, welches Spiel überhaupt gespielt wird. Rechnen hilft nichts, weil das fehlt, womit man rechnen müsste. Und das meiste, worauf es ankommt, gehört leider zur zweiten Sorte. Ob die Arbeit Bestand hat, ob der Mensch bleibt, ob aus der Idee etwas wird. Wir behandeln es trotzdem wie die erste Sorte, weil die sich beherrschen lässt, und dann wundern wir uns, dass die Beherrschung nicht hält.
Und doch ist genau diese zweite Sorte der einzige Ort, an dem überhaupt etwas Neues passiert. Das vergisst man so schnell, wie man es einsieht. Der Kopf lernt nichts aus dem, was er ohnehin erwartet hat; er lernt aus dem, was ihn überrascht. Wo alles so eintrifft, wie gewohnt, bleibt auch alles, wie es war. Erst die Differenz zwischen Erwartung und Wirklichkeit bringt etwas in Bewegung. Ohne offenes Vielleicht, kein neuer Gedanke. Die Ungewissheit ist insofern nicht der Preis des Lernens, sondern seine Voraussetzung.
Wenn dir das zu schwärmerisch klingt, frage dich einmal ganz nüchtern, wofür du eigentlich bezahlt wirst. Alles Sichere hat ja längst jemand. Die sichere Anlage wirft kaum etwas ab, eben weil sie sicher ist und jeder sie kennt. Zu holen gibt es nur dort etwas, wo keiner weiss, wie es ausgeht. Einer macht genau an der Ecke ein Café auf, von der alle abraten. Vielleicht behalten alle recht - aber wenn es läuft, dann gehört es ihm allein. Die Unsicherheit ist nicht der Haken am Geschäft, sie ist das Geschäft.
Im Grunde weisst du das längst, auch ohne Tabelle. Keiner heiratet, weil die Rechnung aufgeht. Keiner bekommt ein Kind, weil die Prognose günstig steht. Keiner zieht in eine fremde Stadt, weil sich beweisen lässt, dass es gut wird. Das Wichtige entscheidet niemand mit dem Taschenrechner; man entscheidet, weil man es will, und liefert die Gründe hinterher nach. Würden wir warten, bis sich alles rechnet, bliebe das meiste ungetan. Ein ordentliches Leben wäre das. Und ein ziemlich stilles.
Selbst das Aufschieben hat seinen Wert. Denk an den, der im Laden etwas zurücklegen lässt, statt es gleich zu kaufen. Das Zurücklegen kostet ihn fast nichts, und doch gehört die Sache für den Moment ihm allein. So ist es, wenn man sich nicht festlegt, solange man nicht weiss, was sich bewährt. Das ist kein Zaudern, sondern eine Art Besitz. Wer die offene Tür zumacht, bloss damit sie zu ist, verschenkt ihn (wen? Den Moment?). Daran solltest du denken, wenn dich jemand drängt, dich endlich zu entscheiden, vor allem dann, wenn der eigentliche Grund nur der ist, dass überhaupt eine Entscheidung gefallen sein soll.
Das Schwere ist dann gar nicht so sehr, die Ungewissheit selbst auszuhalten. Schwerer ist fast, sie vor anderen zuzugeben. «Ich weiss es nicht» klingt wie eine Bankrotterklärung. In den meisten Räumen, in denen ich gesessen bin, war es dieser Satz, den keiner sagen wollte, obwohl ihn fast alle dachten. Lieber redet man weiter, mit fester Stimme, an der Sache vorbei. Und dann sagt ihn doch einer, nicht laut, nicht als Geste, und im Raum verschiebt sich etwas. Es ist nicht die Katastrophe, die alle befürchtet haben. Meistens ist es Erleichterung, weil die anderen dasselbe dachten und nur darauf gewartet haben, dass einer anfängt.
Aushalten heisst dabei nicht abwarten. Die Ungewissheit verschwindet nicht von allein, und wer nur dasitzt, bis sie sich auflöst, wartet meistens umsonst. Es gibt einen Weg, mitten im Nichtwissen zu handeln, ohne sich dabei etwas vorzumachen, und er hat zwei ziemlich unspektakuläre Hälften.
Die eine ist: nachschauen. Wo sich etwas wissen lässt, prüf es, bevor du darauf baust. Nicht das grüne Dashboard und nicht die Zahl, die beruhigt, sondern das, was wirklich standhält. Belastbares eben. Das ist oft weniger, als man hofft, und unbequemer dazu, aber «Wir haben nachgesehen, und es funktioniert nicht» ist auch ein Ergebnis, und ein billigeres als das späte Scheitern.
Die andere Hälfte ist für alles, wo es noch nichts nachzuschauen gibt: ausprobieren. Einen kleinen Schritt machen und schauen, was die Welt darauf antwortet. Nicht den grossen Plan, der alles auf einmal richtig haben will, sondern den Versuch, der scheitern darf, weil er klein ist. Was dabei herauskommt, weiss man vorher nicht; man findet es heraus, indem man anfängt. Viel mehr ist es nicht: prüfen, was sich prüfen lässt, und den Rest behutsam erkunden. Gewissheit gibt das nicht, aber es macht handlungsfähig, ohne Selbstbetrug.
Wenn ich dir am Ende etwas mitgeben dürfte, dann das: Halt es einen Moment länger aus, als bequem ist. Stell die eine Frage mehr, schau etwas länger hin, lass die Tür offen, die alle anderen schon zugemacht haben. Nicht heldenhaft, das verlangt niemand. Nur lang genug, dass die Antwort, falls es eine gibt, eine Chance hat, bei dir anzukommen.
Wie es ausgeht, weiss ich nicht, und ob dich das hier erreicht, auch nicht. Ich schick es trotzdem los.
Christian Ziegler. Auf gut Glück.